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Ich hatte meinem Vater "gedroht", dass ich mal wieder was recht langes hier schreibe. Also mache ich das jetzt endlich.
Wie der Titel schon sagt, möchte ich über Sender und Empfänger - von Informationen - reden und wie Sender Macht auf ihre Empfänger ausüben.

Jeder kann sich (hoffentlich) vorstellen, wie es wäre, wenn es nur einen einzigen Sender gäbe und ansonsten nur Empfänger: Was der Sender mitteilt kann nicht überprüft werden und daher muss man annehmen, dass dieser die Wahrheit sagt.

Man kann es möglicherweise anzweifeln, aber in diesem Extremmodell würde man diese Zweifel nicht anderen mitteilen "können", denn dann hätte man schon einen zweiten Sender! Dieses "Informationsmonopol" ist also eine gehörige Machtbasis für den Sender! Er kann im Prinzip machen, was er will, da es ja keine gegensätzlichen Informationen gibt.

Wie ich schon vor ein paar Sätzen gehofft habe, hoffe ich auch hier, dass niemand mit normalem Verstand dies als erstrebenswertes Modell hält und man versteht: Je weniger Sender es gibt, desto mehr Macht haben diese über die Empfänger; und vermutlich gefällt dem Sender diese Macht, so dass er alles tut um andere Sender zu verhindern. Was ein gesundes Maß für das Verhältnis Sender-Empfänger ist, kann man gerne streiten, aber nehmen wir mal einfach an, das "je mehr desto besser" ist, ok!?

Dies nun im Hinterkopf lasst uns in der Zeit zurück gehen: Es ist Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutschland. Kaum jemand aus dem "Pöbel" kann Lesen und Schreiben und das Land ist sehr Christlich geprägt. Das meiste, was die Leute erfahren kommt von Priestern aus der Kirche, die erzählen, was richtig und falsch ist. Bücher gibt es nur sehr wenige und da gerne mal ein Schreiber seine eigene Note in einem Buch-Abschrieb hinterlässt ist nicht wirklich sicher, dass im "gleichen" Buch die 200km ausseinander (ab)geschrieben wurden auch das gleiche drinsteht; wer das "Original" geschrieben hat ging sowieso sehr schnell verloren. Gerne wird auch den Unbelesenen aus Büchern vorgelesen - prominentestes Beispiel natürlich die Kirche/Priester, die aus der Bibel lesen.
Doch was ist das? Da kommt ein Mann Namens Johannes Gutenberg daher und "erfindet" die Druckerpresse (die Chinesen hatten sowas schon Jahrhunderte früher, wusste nur keiner).

Plötzlich konnten Bücher viel leichter kopiert werden, es stand auch dann jedesmal das gleiche drin, das Volk hatte plötzlich viel leichter Zugang zu Leseerzeugnissen (die Folge war ein Anstieg der Lese- und Schreibfähigkeiten) und einiges mehr. Gerne wird wegen dieser Entwicklung der Buchdruck in seiner Bedeutung in einer Reihe mit der Entwicklung der Sprache, der Schrift und - später/heute - der Digitalisierung genannt.

Doch natürlich fanden es nicht alle Leute toll! Es wurden weniger Schreiber gebraucht (aaaah, Arbeitsplatzverlust!), es verlagerte sich der Informationsaustausch von "vorgelesen werden" zu "selber lesen", was die Macht der bisher wenigen Belesenen beschnitt und als etwas krasses Beispiel war bis Anfang des 18. Jahrhunderts im arabischen Raum der Buchdruck - auf Druck (pun intended) von Schreibern und Geistlichen! - verboten, teilweise sogar mit Todesstrafe belegt.
Im europäischen Raum war die allgemeine Verbreitung des Buchdrucks nicht mehr aufzuhalten (ein Glück gab es damals noch nicht sowas wie Patente - das ist aber eine andere Geschichte), aber auch hier wurde von hoher Stelle in den Druck eingegriffen. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde in England der Licensing of the Press Act beschlossen - heute ist das als Copyright bekannt. Durch diesen konnte der König das Recht am Druck vergeben ... und auch wieder entziehen! Wer also das "falsche" gedruckt hat, hat seine Privilegien verloren. Die Vergrößerung der Menge "Sender" konnte zwar nicht mehr wirklich aufgehalten werden, aber es wurde versucht, das ganze ein wenig zu bremsen. Es wurde also reguliert, die Gesetzeskeule ausgeholt und überwacht (wer das "Copyright" hatte, konnte nicht einfach Drucken, was das Zeug hielt, sondern musste immer ein Exemplar an die Stationers’ Company Gilde abgegeben werden, die natürlich geprüft haben, was der da so druckt...). Auch das erste "Urheberrecht", die Statute of Anne war unter heftiger Lobbyarbeit der Gilde entstanden. Das die Gilde mehr für Verlage, als für Urheber stand sollte mit einem kurzen Blick (wir sind noch nicht ganz durch mit der Geschichte) in die heutige Zeit, nicht unerwähnt bleiben und zum nachdenken anregen...

Doch wir sind mit dem Copyright schon ein wenig der Zeit vorraus. Nur etwa ein Jahrhundert nach dem Buchdruck erschütterte ein weiteres Ereignis das "System". Denn auch wenn immer mehr Leute anfingen Lesen zu lernen, die Hauptquelle des "Wissens" war in der damaligen Zeit immernoch das Christentum und natürlich die Bibel. Die Bibel war allerdings nur in Latein (oder gar hebräisch oder griechisch) aufzufinden, was als Sprachwissen aber weiterhin den Gelehrten und Priestern vorbehalten war. Die Kirche konnte also immernoch predigen was sie wollten und das mit "steht in der Bibel" begründen; der "gemeine Pöbel" konnte es ja nicht nachprüfen und musste glauben, was erzählt wurde. Das änderte sich bekanntermaßen schlagartig mit der Bibelübersetzung durch Martin Luther! Es gab zwar schon andere Übersetzungen der Bibel, aber erst diese von Luther wurde weitverbreitet an den Mann und Frau gebracht und veränderte das damalige, religiöse Leben in den nächsten Jahrzehnten bis -hunderten radikal. Die christliche Kirche "zersplitterte" noch stärker, als je zuvor und Bürger mussten alle Nase bzw. lokaler Herrscher lang entweder ihren Glauben oder den Wohnort wechseln. Letzteres kann man vielleicht noch als Versuch deuten, den "Unglauben" einzuschränken, aber entgegen dem vorigen Beispiel konnte hier die neue "Entdeckung" nicht mehr gestoppt bzw. eingeschränkt werden. Ein seltener Fall in der Geschichte!

Weiter geht es und wir gehen wieder etwas in die Moderne. Auch ein sehr interessanter Fall ist das Radio! Wie euch jeder Elektronikfan mitteilen wird, ist es unglaublich einfach einen Radiosender zu basteln - Radioempfänger noch mehr.

Gut, die Reichweite des Senders ist da interessant, aber das grundlegende Prinzip ist so simpel, jeder könnte seine eigene Radiostation sein. "Könnte" natürlich wieder: In der Realität muss ein Radiosender die Lizenz besitzen auf einer Frequenz zu senden, es kann also nicht jeder in den Äther blubbern wann er/sie will. Zudem wird im Radio auch gerne Musik gespielt, was sich dieGEMA und GVL fürstlich bezahlen lassen. Besonders letztere sind erwähnenswert, wenn man mal einen kurzen Sprung vor ins "heutige" digitale Zeitalter machen. Denn die ganze Radiosenderlizenz-Problematik wurde mit dem Internet umgangen. So genannte "Internetradios" sind wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Besonders hervorgetan haben sich "Mini" Internetradios, mit maximal 50 Zuhörern, die absolute Nischen"produkte" geliefert haben ... inzwischen sind aber sehr sehr viele von diesen Internetradios am Ende des Long Tail wieder geschlossen. Grund? Je nach Zuhörerzahl usw. mussten die Radiobetreiber seit 2005 - nachdem die GVL ihre Regeln geändert hat - bis zu 300% (!) mehr Geld bezahlen! ("Die Mindestvergütung beträgt € 500 p.a.") Für Nischenradios ohne jegliches Einkommen und Verdienst eine enorme Bürde. Soviel dazu, dass mit den ganzen Verwertungsgesellschaften ja die kulturelle Vielfalt erhalten werden soll...

Aber nochmals ein paar Jahr zurück. Noch eine Erfindung ist erwähnenswert, weil sie einen enormen Einfluss - auch heute - hat und zudem einzigartig ist: Der Fernseher bzw. das Fernsehen! Das hier eine unglaubliche Reichweite für Propaganda ... - äh, ich meine Nachrichten - vorliegt, sollte klar sein. Was es einzigartig macht? Nun, hier haben wir solch eine machtvolle Erfindung, die im Gegensatz zu all den anderen Beispielen mal NICHT so einfach von der Masse "Missbraucht" werden kann/konnte. Letztendlich ist es natürlich möglich Fernsehen zu senden; früher mit dem analogen Empfang sogar noch einfacher, als heutzutage wo alles digital ist. Trotzdem steckt da zu viel Geld dahinter, als dass sich sowas groß entwickelt hat. Jeder hat von Piratensendern gehört, aber da ging es nur um Hörfunk/Radio. Ich wüsste jetzt keinen Piraten-Fernsehsender!
Heute, mit der Beschleunigung des Internets ist das ein wenig anders. YouTube und Co helfen hier "Fernsehen" zu verbreiten und Livestreams gibt es wie Sand am Meer! ... Was sagt euch das? Genau: Das geht doch gar nicht... also geht schon, aber die Idee, auch solche Internet-Livestreams zu Lizensieren und - bei entsprechender Größe - sich bezahlen zu lassen ist schon vor Jahren aufgekommen. Gut, das ist fallen gelassen worden, aber wer weiss, ob nicht mal wieder ein totes Pferd verprügelt werden muss... Weiter reichen nur ein paar Takte urheberrechtlich geschütztes Material/Musik und das schöne YouTube-Video ist verschwunden!

Womit wir bereits im Heute angekommen sind. Das Internet hat sich von Beginn an völlig unabhängig von Regulierung und Regierungen entwickelt und wurde zu das, was wir heute vor uns haben. Doch wie schon in der Geschichte, ist solch eine unregulierte Macht für die Mächtigen ein Dorn im Auge. Nicht umsonst sind in autoritären Regimes, wie (z.B.) China, Iran, Myanmar, ... die Internetverbindungen stark eingeschränkt, zensiert, überwacht und streng regelmentiert. Man kann halt auch so unendlich viele "böse" Dinge im Internet tun: Man kann kritische Meinungen äussern, zu irgendwelchen Themen verschiedenste Ansichten prüfen, Wissen austauschen, sich mit Leuten verabreden, Waren aus der ganzen Welt bestellen, Daten zu anderen Leuten senden, Webseiten heisen, ...
In westlichen Demokratien sieht es noch ein wenig besser aus, aber auch hier werden immer mehr Stimmen laut, dass man doch mehr in die Internetdienste eingreifen sollte.
ACTA, SOPA, PIPA, Zuganserschwernisgesetz, Jugendmedienstaatsvertrag (.pdf), ... und viele mehr möchten gerne in das bisherige Internetverhalten eingreifen. Gründe sind vielfältig; meist ist irgendwas gegen irgendwelche Gesetze. Wenn ich mal die obige Liste, was man alles machen kann tweilweise ein wenig "autoritär" zerlegen möchte:
"Man kann kritische Meinungen äussern"
-> Das sind keine "Meinungen" sondern "Beleidigungen" und "Gesetzesübertritte"!

"zu irgendwelchen Themen verschiedenste Ansichten prüfen"
-> Hallo, ihr sollt gefälligst glauben, was das Propaganda- ... äh, Staatsfernsehn mitteilt!

"Wissen austauschen"
-> Wissen ist Macht! Einen dummen Pöbel kann man viel leichter beherrschen!

"sich mit Leuten verabreden"
-> Soll (auch) heissen: Demonstrationen ala "Arabischer Frühling" organisieren! Geht ja gar nicht!

"Waren aus der ganzen Welt bestellen"
-> Ihr könnt doch nicht einfach indizierte Spiele aus Österreich bestellen oder DVDs, die in Deutschland noch nicht erschienen sind! Und dann kosten die auch noch weniger als hier im Laden...

"Daten zu anderen Leuten senden"
-> Filesharing! Das zerstört das geistige Eigentum aller Künstler! STOP!

"Webseiten heisen"
-> DDoS Angriffe auf Webseiten fahren ist illegal!

Man muss das jetzt nicht alles glauben oder gut finden, aber wenn man bei einigen Punkten zustimmend nickt, dann sollte man sich schon Gedanken machen, wie das Netz aussehen würde, wenn man eben diese Punkte von Anfang an reguliert und "böse" Aktivitäten eingeschränkt hätte... bestimmt würde ich hier gerade nichts schreiben, weil das Netz dann völlig anders wäre! Wir müssen uns bewusst machen, dass das Internet von Grund auf so "designed" wurde, dass man um jegliche Hindernisse herum kommt. Man kann es natürlich den Leuten sehr schwer machen, aber prinzipiell ist ja das Netz dafür ausgelegt, Blockaden zu umgehen. Kurz eine kleine Internetanleitung:

http://www.geisterkarle.net/galerien/galerie/news/route_1.png


Wenn A mit B kommunizieren möchte, müssen wir über drei Netzwerk-Knotenpunkte gehen, die die Anfrage weiter verteilen. Wie man sieht, hat Knotenpunkt 1 zwei Möglichkeiten. Das funktioniert jetzt so, dass er an Punkt 2a die Anfrage der Weiterleitung sendet und dieser Knotenpunkt meldet "Ja, kann weitermachen". Knotenpunkt 1 speichert sich jetzt diese Antwort. Wenn also die nächste Kommunikation stattfindet kann er sofort mit 2a loslegen und braucht nicht erst eine Anfrage zu stellen, ob es da weitergeht - Knotenpunkt 1 sieht nicht zum Ziel! So. Nun fällt aber Knotenpunkt 2a aus - warum auch immer:

http://www.geisterkarle.net/galerien/galerie/news/route_2.png


Knotenpunkt 1 stellt fest, dass seine Anfragen nicht mehr ankommen, aber er will ja trotzdem noch was zu Partner B senden. Also stellt er die Anfrage an 2b, ob dieser Knoten vielleicht das übernehmen könnte; was er natürlich kann und so hat er eine neue Route, über die er Daten senden kann. d.h. falls jemand 2a anweist, die Daten von A nicht anzunehmen, könnte trotzdem eine Verbindung zu B zustande kommen. Anders sieht es natürlich aus, wenn jemand 1 blockiert! Plötzlich geht gar nichts mehr!

Vereinfacht für euere Internetverbindung gesagt ist Knoten 1 nun euer Internetprovider. Wenn der euch blockiert könnt ihr tun was ihr wollt, ihr kommt nicht mehr weiter. DAS ist auch der Grund, das in vielen der Gesetze versucht wird den Provider haftbar zu machen für Dinge, die A mit B spricht! Deshalb ist ein Teil der Netzneutralität - die ja ebenfalls ausgehöhlt werden soll - auch das "Unwissen" des Providers, was der Kunde macht. Nur wenn der Provider an Stelle 1 einfach nur dafür sorgt, dass A dort weiter kommt (A hat also mit dem Provider einen Vertrag) und nicht prüft was dort geschieht, DANN haben wir wirklich keine Zensur und freie Meinungsäusserung. ... Das vermutlich etliche Geheimdienste oder sonstige Polizeibehörden an solchen Stellen mit Deep-Packet-Inspection Programmen sitzen ist eignetlich schon skandalös genug!

Im Internet passieren sicherlich Dinge, die "gefährlich sind". Niemand wird dies anzweifeln. Aber das Internet ist sozusagen ein eigenes "Land". Deshalb haben Aussenstehende auch nichts zu melden. Alle Entscheidungen werden sozusagen demokratisch durch die Teilnehmer des Internets getroffen; es braucht keine Regierung, die ihnen sagt, was passieren soll. Ein Eingriff in diese Struktur ist ein Eingriff in das Internet selbst!

Aber ich schweife auf Pfaden, die andere vor mir schon sehr viel besser ausgedrückt haben. Daher beschliesse ich hier nun meinen Text - ist ja lang genug - und überlasse das Wort John Perry Barlow, der einen der wichtigsten Texte des Internets verfasst hat: A Declaration of the Independence of Cyberspace. Das Original ist hier zu finden.
Eine Deutsche Übersetzung hat Telepolis verfasst. Ihr werdet feststellen, dass der Text aktueller denn je ist; und wenn ihr auf das Datum seht werdet ihr euch erstaunt die Augen reiben...
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